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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Dawson City – nicht einmal ein Goldräuschchen

Dawson City – Jack London – Goldrausch

Nach einer sehr schönen und vor allem trockenen Offroad-Fahrt auf dem Top-of-the-World Highway kam ich am berühmten Klondike River bei Dawson City an. Jetzt fehlte noch die Fähre und ich konnte übersetzen. Großes Staunen im Reich der Kapitalisten – die Fähre ist kostenlos! Dawson City gleicht mehr einer Filmstadt. Einige Dutzend sehr alte Häuser (aus den 1890er Jahren!), bei uns wären das eher Youngtimer, wurden originalgetreu restauriert. Hinter den Fassaden sehen sie doch alle sehr improvisiert und kaputt aus. Sie beherbergen entweder Museen oder dienen als Geschenkläden. Ein Highlight ist sicherlich der berühmte Sourdough Cocktail, den Mann oder Frau sich jeden Abend ab 21.00 Uhr im Downtown Hotel sprichwörtlich einwerfen kann. Für ca. $5-6 kaufst du dir an der Theke einen Whiskey und reihst dich dann in der Schlange der „Zehenliebhaber“ ein. Am Ende der Schlange erwartet dich ein alter Kapitän, der nochmals $5 bekommt. Als Gegenleistung erhältst du ein Einzelgespräch bei der dir die Prozedur erklärt wird: der olle Kapitän wickelt aus einem Lappen einen schwarzen, mumifizierten Zehen aus und legt ihn auf ein mit Salz gefüllten Teller zur „Desinfektion“. Dann warnt er dich noch vor dem Verschlucken des Zehens, das mit $2.500 auch bestraft wird. Der Zehen wird dann in dein Whiskeyglas eingelegt und du musst das Glas leer trinken und der „schwarze Hutzelzehen“ muss deine Lippen berühren. Dann erhältst du unter reger Teilnahme der Wartenden dein Zertifikat. Die ganze Show wird 2 Stunden durchgezogen und ca. 200 Personen lassen sich jeden Abend „zertifizieren“. Nach meiner Meinung die größte „Goldgrube“ in Dawson City.

Als Inhaber der Bull & Bear Goldmine am Nenana River, Fairbanks nehme ich endlich an einem Goldwaschkurs am Bonanza Creek teil. Mit einer Gebühr von $15,75 bekomme ich das richtige Pfannendrehen beigebracht und welch Wunder in meiner Pfanne befinden sich auch 4 Goldflocken. Ich habe halt das „All-inklusive Goldpaket“ gebucht. Theoretisch und praktisch nun voll als Goldpanner zertifiziert, leihe ich mir eine Pfanne und eine Schaufel aus und fahre zum Free Claim No. 33. Dort hängen schon weitere Freizeitgoldgräber im Bach herum und schwenken ihre Pfannen. Wir alle sind Spitze und auch alle haben den gleichen Erfolg – selbst nach Stunden glänzen alle unsere Pfannen als wären sie mit Meister Proper geputzt: blitzblank leer! Aber wir haben alle einen Mordsspass und die Goldfrauen bereiten am Ufer schon leckere BBQs zu. Okay ich habe nur 3 Stunden den Sonnenschein und Wärme genossen, aber andere verbringen so mit ihren Wohnmobilen ihren Jahresurlaub. Das wäre mir dann doch zu erfolglos!

Von Dawson City geht es dann wieder Richtung Süden nach Watson Lake. Immer wieder Wald, Flüsse und Seen. Dann oh Schock wildes Getier: ein oller Bisonbulle trabt gemütlich am Strassenrand entlang. Später treffe ich noch auf eine ganze Herde. Ist ja hier fast wie in Afrika. Ich habe bei meinem Ausflug in den Norden Riesenglück mit dem Wetter. Andere berichten mir, dass sie 1-2 Wochen vorher Dauerregen hatten und dass es zu hässlichen Offroad-Unfälle gekommen wäre. Ich dagegen spule meine Tagesetappen von 800 bis 1000 km bei schönstem Sonnenschein ab. Ganz ehrlich – ein wenig langweilig finde ich die Landschaft schon. Mir hat persönlich Norwegen besser gefallen.

In Watson  Lake besuche ich den Sign Forest. Über 100.000 Schilder verewigen ihre ehemaligen Beitzer an diesem Ort. Interessant – von allen Flecken der Erde haben sich hier schon Leute eingefunden. Sieht einfach auch klasse aus. Übernachten tue ich in der Air Force Lodge. Ein guter Tipp. Ein angesagter Biker Treffpunkt und auch sehr originell. Von Watson Lake geht es dann weiter über British Columbia nach Alberta nach Edmonton. Persönlich finde ich die Gegend in British Columbia und in den Rockies schöner wie im Yukon oder Alaska. Die Flüsse und Seen sind intensiver blau, die Bäume größer,voller und grüner.

In Edmonton bekommt die BMW einen neuen Hinterreifen – dem Preis nach – muss es sich hierbei wieder um eine Einzelanfertigung handeln. Noch Öl- und Filterwechsel und ab geht es nach Montreal zu meinem Bruder. Unterwegs fahre ich schnurrgerade fast 4000km durch riesige Felder, Seenplatten und penne bei Speed Limits von 90km/h bzw. 100 km/h fast ein. Das erste Mal, dass ich das Fehlen eines Tempomats bei der BMW vermisse. Im Bundesstaat Ontario sind auch ständig Warnschilder mit Strafandrohung aufgestellt und permanent halten die „Mounties“ Temposünder an. Ein lohnendes Geschäft: bei 110km/h: $95, bei 120km/h: $295, bei 130km/h: $395 und bei mehr als 50km/h: $10.000, Führerschein auf unbestimmte Zeit weg und das Fahrzeug wird konfisziert. Bei letzter Strafe hat sicherlich ein Schweizer sein Input gegeben. Da die Kanadier gemütlich vor sich hin tuckern und selten überholen, musst du schon ganz ordentlich Gas geben um ca. 20-30 Fahrzeuge auf einen Schlag zu überholen! 50km/h über dem Limit und mehr kommen da leicht zusammen und am Ende der Schlange steht der Sheriff und schießt dich dann mit der Laserpistole ab – also immer Augen auf und dreckiges Nummernschild!

Total müde und ohne Strafticket komme ich in Montreal an. Noch eine gute Woche relaxen und dann geht es wieder zurück zum Arbeiten. Das mit dem Goldsuchen hat ja nicht so hingehauen.