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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Archives › August 2016

Dawson City – nicht einmal ein Goldräuschchen

Dawson City – Jack London – Goldrausch

Nach einer sehr schönen und vor allem trockenen Offroad-Fahrt auf dem Top-of-the-World Highway kam ich am berühmten Klondike River bei Dawson City an. Jetzt fehlte noch die Fähre und ich konnte übersetzen. Großes Staunen im Reich der Kapitalisten – die Fähre ist kostenlos! Dawson City gleicht mehr einer Filmstadt. Einige Dutzend sehr alte Häuser (aus den 1890er Jahren!), bei uns wären das eher Youngtimer, wurden originalgetreu restauriert. Hinter den Fassaden sehen sie doch alle sehr improvisiert und kaputt aus. Sie beherbergen entweder Museen oder dienen als Geschenkläden. Ein Highlight ist sicherlich der berühmte Sourdough Cocktail, den Mann oder Frau sich jeden Abend ab 21.00 Uhr im Downtown Hotel sprichwörtlich einwerfen kann. Für ca. $5-6 kaufst du dir an der Theke einen Whiskey und reihst dich dann in der Schlange der „Zehenliebhaber“ ein. Am Ende der Schlange erwartet dich ein alter Kapitän, der nochmals $5 bekommt. Als Gegenleistung erhältst du ein Einzelgespräch bei der dir die Prozedur erklärt wird: der olle Kapitän wickelt aus einem Lappen einen schwarzen, mumifizierten Zehen aus und legt ihn auf ein mit Salz gefüllten Teller zur „Desinfektion“. Dann warnt er dich noch vor dem Verschlucken des Zehens, das mit $2.500 auch bestraft wird. Der Zehen wird dann in dein Whiskeyglas eingelegt und du musst das Glas leer trinken und der „schwarze Hutzelzehen“ muss deine Lippen berühren. Dann erhältst du unter reger Teilnahme der Wartenden dein Zertifikat. Die ganze Show wird 2 Stunden durchgezogen und ca. 200 Personen lassen sich jeden Abend „zertifizieren“. Nach meiner Meinung die größte „Goldgrube“ in Dawson City.

Als Inhaber der Bull & Bear Goldmine am Nenana River, Fairbanks nehme ich endlich an einem Goldwaschkurs am Bonanza Creek teil. Mit einer Gebühr von $15,75 bekomme ich das richtige Pfannendrehen beigebracht und welch Wunder in meiner Pfanne befinden sich auch 4 Goldflocken. Ich habe halt das „All-inklusive Goldpaket“ gebucht. Theoretisch und praktisch nun voll als Goldpanner zertifiziert, leihe ich mir eine Pfanne und eine Schaufel aus und fahre zum Free Claim No. 33. Dort hängen schon weitere Freizeitgoldgräber im Bach herum und schwenken ihre Pfannen. Wir alle sind Spitze und auch alle haben den gleichen Erfolg – selbst nach Stunden glänzen alle unsere Pfannen als wären sie mit Meister Proper geputzt: blitzblank leer! Aber wir haben alle einen Mordsspass und die Goldfrauen bereiten am Ufer schon leckere BBQs zu. Okay ich habe nur 3 Stunden den Sonnenschein und Wärme genossen, aber andere verbringen so mit ihren Wohnmobilen ihren Jahresurlaub. Das wäre mir dann doch zu erfolglos!

Von Dawson City geht es dann wieder Richtung Süden nach Watson Lake. Immer wieder Wald, Flüsse und Seen. Dann oh Schock wildes Getier: ein oller Bisonbulle trabt gemütlich am Strassenrand entlang. Später treffe ich noch auf eine ganze Herde. Ist ja hier fast wie in Afrika. Ich habe bei meinem Ausflug in den Norden Riesenglück mit dem Wetter. Andere berichten mir, dass sie 1-2 Wochen vorher Dauerregen hatten und dass es zu hässlichen Offroad-Unfälle gekommen wäre. Ich dagegen spule meine Tagesetappen von 800 bis 1000 km bei schönstem Sonnenschein ab. Ganz ehrlich – ein wenig langweilig finde ich die Landschaft schon. Mir hat persönlich Norwegen besser gefallen.

In Watson  Lake besuche ich den Sign Forest. Über 100.000 Schilder verewigen ihre ehemaligen Beitzer an diesem Ort. Interessant – von allen Flecken der Erde haben sich hier schon Leute eingefunden. Sieht einfach auch klasse aus. Übernachten tue ich in der Air Force Lodge. Ein guter Tipp. Ein angesagter Biker Treffpunkt und auch sehr originell. Von Watson Lake geht es dann weiter über British Columbia nach Alberta nach Edmonton. Persönlich finde ich die Gegend in British Columbia und in den Rockies schöner wie im Yukon oder Alaska. Die Flüsse und Seen sind intensiver blau, die Bäume größer,voller und grüner.

In Edmonton bekommt die BMW einen neuen Hinterreifen – dem Preis nach – muss es sich hierbei wieder um eine Einzelanfertigung handeln. Noch Öl- und Filterwechsel und ab geht es nach Montreal zu meinem Bruder. Unterwegs fahre ich schnurrgerade fast 4000km durch riesige Felder, Seenplatten und penne bei Speed Limits von 90km/h bzw. 100 km/h fast ein. Das erste Mal, dass ich das Fehlen eines Tempomats bei der BMW vermisse. Im Bundesstaat Ontario sind auch ständig Warnschilder mit Strafandrohung aufgestellt und permanent halten die „Mounties“ Temposünder an. Ein lohnendes Geschäft: bei 110km/h: $95, bei 120km/h: $295, bei 130km/h: $395 und bei mehr als 50km/h: $10.000, Führerschein auf unbestimmte Zeit weg und das Fahrzeug wird konfisziert. Bei letzter Strafe hat sicherlich ein Schweizer sein Input gegeben. Da die Kanadier gemütlich vor sich hin tuckern und selten überholen, musst du schon ganz ordentlich Gas geben um ca. 20-30 Fahrzeuge auf einen Schlag zu überholen! 50km/h über dem Limit und mehr kommen da leicht zusammen und am Ende der Schlange steht der Sheriff und schießt dich dann mit der Laserpistole ab – also immer Augen auf und dreckiges Nummernschild!

Total müde und ohne Strafticket komme ich in Montreal an. Noch eine gute Woche relaxen und dann geht es wieder zurück zum Arbeiten. Das mit dem Goldsuchen hat ja nicht so hingehauen.

Alaska – reine Augenwischerei!

Was einem gleich bei der Fahrt nach Norden ins Auge fällt, ist ausser der grandiosen Landschaft, das brennende Gefühl im linken Auge. Mitten im nowhere findet ein besonders anhängliches Spezi einer alaskaischen Killermoskito ihren Weg in mein linkes Auge und das trotz Visier und Brille. Und zu meinem Glück hatte ich kein Wasser mehr, zufällig und das ist wirklich großes Pech, war auch kein Fluss oder See in der Nähe und ich musste die sterbliche Überreste dieser Arktismücke über 40 Minuten mit heftigen Tränen in meinem Auge ertragen bis mich endlich ein Trading Post, sprich Laden, mit einem Waschbecken erlöste. Da sind wir schon beim Thema: Mücken gibt es genügend und Flüsse, Seen und Wälder ohne Ende. Oft sind ganze Wälder Waldbränden zum Opfer gefallen. Je weiter ich nach Norden kam und es ging fast 4000 km nach Fairbanks, Alaska um so weniger wurde der Verkehr, die Bäume wurden niedriger, … und die Strassen zogen sich ins Unendliche.

Kurven? Fehlanzeige. Oft 100 bis 200 km gerade aus, kein Auto stundenlang und nur wenige Tankstellen, die oft nur 2 Sprits zum Auswahl hatten: Diesel oder Regular mit 88 Oktan. Willst du oder besser du musst auch manchmal etwas zum Essen kaufen, ist die Auswahl sehr bescheiden: Chips und Softdrinks zu Nuggetpreisen. Unterkünfte musst du nehmen wie sie kommen. Selbst State Park Camping kostet $20 und das ohne Wasser oder Dusche. Dafür kannst du ja oft in einen eiskalten See springen. Feste Unterkünfte mit Etagendusche und-klo fangen bei $80 an. Bei 1 Pizza und 1 Bier- bist du mit $30-35 dabei.

Tagesetappen von 800-900km die Regel, mein Rekord 1150km und das mit dem Motorrad. Dazwischen immer das Highlight: Pilot Cars! Was ist denn das? Da kommt ein schwäbischer Offroad Champ angeschossen und wird abrupt angehalten und muss dann mit 30 km/h in der Schlange (3-5 Autos!) kilometerweise hinter einem kriechenden Baustellen-Pickup hinterherfahren. Manchmal 15 km lang. Da kommt Freude auf. Ja die Nordamerikaner sind verwegene und kühne Fahrer! Mit Todesmut passieren Sie mit 10m Abstand den Gegenverkehr und halten dabei auch tapfer 200m Abstand zum Vordermann/-frau. Die kommen sich wie im Actionfilm vor, wenn ein schwäbischer Motorrad-Stuntfahrer beim Überholen schon nach 100m wieder einschert und um Himmels Willen: der überholt im Kamikazestil, der Gegenverkehr ist keine 1,5 Kilometer weit entfernt! Auf der Top-of-the-World Highway, eine 150km lange gut befahrbare Offroadstrecke überholte ich mit weit über 120 km/h mehrere Motorradfahrer, die mit geschätzten 50km/h durch die Gegend hoppelten. Später treffe ich sie wieder bei der Klondyke-Fähre. Ihr Kommentar: Unbelieveable – you are not from here. No – I am from another planet.

Fairbanks – mein Endziel

Alle fahren nach Prudhoe Bay ans Polarmeer. Ich schenke mir die ca. 850km lange Strecke. Ursprünglich wollte ich auch dorthin, aber meine Reifen sind schon ziemlich abgefahren und die Strecke soll sehr monoton sein und dann auch noch den gleichen Weg wieder zurück – nee. Dann fahre ich doch lieber zu den Goldgräbern, mache mal selber „Gold panning“. Unterwegs nach Dawson City komme ich zum Goldgräberflecken „Chicken“. Dort esse ich erst einmal ein Goldnuggetburger und schaue mir verschiedene Goldgräberutensilien an. Bei meiner Weiterfahrt treffe ich auf einen echten Goldgräber, der mit Bagger und Fördergerät von April bis Ende September professionell Gold sucht – mit Erfolg. Ich mache ein Videointerview. Dan erklärt mir ausführlich den Fundort und zeigt mir seine Ausbeute von den letzten Tagen: echte Nuggets. Mit dem Erfolg kann er dann auch über die kalte Jahreszeit in Florida überwintern. Unterwegs treffe ich noch viele Hobby-Goldgräber, die auf Free Claims (da darf jeder ohne Lizenz schürfen) tage- bzw. wochenweise im Bach stehen und ihre Goldpfanne meist erfolglos schwenken. Sie verbringen dort ihren Urlaub im Wohnmobil. Man fühlt sich bei ihnen eher wie bei einer BBQ-Party. Aber alle sind recht locker drauf.

Hier folgen gleich wieder die obligatorischen Bilder.

In Kürze folgt auch mein nächster Bericht mit Dawson City und der Fahrt nach Edmonton, Alberta.

Mammuts und eisiger Vorhang

Von San Francisco ging es auf der Pazifikküstenstrasse der Panamerica No. 1 weiter nach Norden. Standesgemäss hat sich die Golden Gate Bridge in einen Tränenschleier gehüllt. Zum Abschied gab sie nur die Spitzen der Brückenpfeiler zur Ansicht frei. Der größte Teil der Strecke Richtung Norden war wie in ein Eisvorhang eingesäumt. Die Pazifikküste ist wirklich atemberaubend mit ihren aus dem Meer ragenden Felsenspitzen. Ungefähr 2-3 km ragte der Kältenebel wie ein Vorhang ins Landesinnere. Im Nebelvorhang war es sehr unangenehm. Max. 18°C. Machte die Strasse einen kleinen Schwenk ins Landesinnere stiegen die Temperaturen sofort auf 30°C.

Mammutbäume – Klein Rolf unter lauter Riesen

Hauptattraktion neben der schönen Küsten sind die verschiedenen Sequoia National Parks mit den riesigen Mammutbäumen. Die Fotos und Filmsequenzen können den Größenunterschied gar nicht richtig wiedergeben. Bei einem bin ich durchgefahren, ein anderer war Teil eines Hauses. Obwohl über 90% der ursprünglichen Mammutwälder schon sehr früh abgeholzt wurden, sind noch immer riesige Waldflächen übrig geblieben. Am besten schaut Euch folgende Bilder an:

San Francisco – eine Stadt mit vielen Gesichtern

San Francisco ist wahrlich eine Reise wert. Multikulti. Viele Sehenswürdigkeiten. Angefangen von der Golden Gate Bridge oder auch die große Bay Bridge. Cablecar, die traditionelle Tram, die noch per Hand bedient wird. Am Wendepunkt wird sie noch von Menschenkraft um 180° gedreht. Die verschiedenen Viertel – ob trendige Hippieläden in Haight Ashbury, Schwulenviertel Castro, Mission District mit seinen vielen mexikanischen Restaurants und seinen Wandmalereien – den Murals oder auch Chinatown und nicht zuletzt Pier 39, das stellvertretend auch für die anderen Landungstegs am Hafen steht – für alle Besucher und auch Einwohner ist etwas dabei. Auch die vielen architektonischen Häuser sowie das Auf und Ab der Strassenzüge, die Parks, Lombard Street und, und, und…

San Francisco hebt sich von der monotonen Uniformität der üblichen US Städten komplett ab. Kein Wunder, dass Wohnraum in San Francisco sehr begehrt ist. All die gutverdienenden Silicon Valley Nerds und Yuppies drängen in die pulsierende und trendige Stadt. Das hat auch seine negativen Seiten: die Mieten sind horrend hoch. Monatsmieten um $4.000  und mehr für Appartments mit 2-3 Zimmern sind nicht die Ausnahme eher die Regel (siehe dazu auch Gästeeintrag von Reinhold). Auffällig auch das grosse Heer von Obdachlosen und Junkies, die leider immer mehr die Gehwege bevölkern. Auch der allgegenwärtige Geruch von Urin und Unrat bleibt einem in Erinnerung.

Und da wäre noch mein alter Studienkollege Reinhold, der mir für ein paar Tage Obdach geboten hatte. Wer weiss, sonst wäre ich bei den unanständig hohen Hotel- und Unterkunftspreisen auch noch auf der Strasse gelandet. Reinhold, eigentlich ein waschechter Bodensee-Schwabe lebt seit über 27 Jahren in San Francisco. Er geniesst noch immer seine Stadt in vollen Zügen. Kein Wunder, dass er jeden Morgen mit einem Kater aufwacht! Stanley heisst sein prächtiger, grauer Mitbewohner, der seine Runden in seinem Stadtwohnungsrevier zieht.

Am Besten lass ich wieder einmal Bilder weiter sprechen