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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Wahnsinn Hoch 3 – Zentralamerika

Kopias – Dollares – Documentas

War die Einreise nach Costa Rica ein Zollchaos, so war die Weiter- und Durchreise der weiteren zentralamerikanischen Länder ein wahrer bürokratischer Amoklauf mit ungeahnten Dokumentenrausch und Einreisebestimmungen, die sich nicht einmal das krankeste Gehirn mit den mutiertesten Gehirnwindungen ausdenken kann.

Costa Rica

In Costa Rica fuhren wir –  4 Motorräder noch einige Zeit an der Küste Richtung Norden. Wunderschöne Küstenbuchten eingebettet in einem üppigen Dschungelgrün begleiteten uns einige Hundert Kilometer. Dann trennten sich unsere Wege. Meine Reisebegleiter wollten an der Küste in Touristenorte bleiben. Ich wollte ins Landesinnere und fuhr fast 100 km auf extrem schlechten Schotterwegen in die Berge zur Laguna de Arenal. Hier hatte ich ein Zimmer in einer traumhaften Lodge gebucht: Ceiba Tree Lodge bei Nueva Arenal. Neben der Lodge steht einer der größten und ältesten Ceiba Bäume, besser bekannt in Zentralamerika als der Lebensbaum. Mit über 20m Umfang und über 500 Jahre eine absolute Rarität. Wasserfallähnliche Regengüsse zwangen mich zu einem zusätzlichen Tag Aufenthalt. Milos, der tschechische Koch, verwöhnte mich mit herausragenden Menüs. Weiter ging es dann Richtung Grenze Nicaragua ohne aber nicht vorher einen Kurzbesuch bei der in ganz Zentralamerika bekannten German Bakery abzustatten. Tom, der aus Kempten im Allgäu stammt, verwöhnt hier sowohl inländische als auch Globetrotter mit seinen berühmten deutschen Spezialitäten. Sauerkraut, Brezel, Bratwurst und sonstige leckere Backwaren gehören zu seinem Standardrepertoire.

Nicaragua

Mit den anderen Biker habe ich mich an der Grenze verabredet. Gemeinsam wollten wir unser nächstes Grenzabenteuer nach dem Motto „Schizophrenie durch 4 ist geteiltes Leid“ angehen. Meine 2 Argentinier schafften es nicht rechtzeitig. Tamarindo mit fast 80% weiblichen Touristinnen hatten meine argentinischen Machos in Beschlag genommen. So ging ich das nächste Grenzprojekt mit meinem brasilianischen Bikerpaar an.  Kurz mal Costa Rica verlassen, heißt zunächst einmal US$ 7 für die Ausreise bezahlen, dann Pass stempeln, dann zum Zoll, wieder 1 km zurück, dann „Aufenthaltsgenehmigung für Motorrad wieder ungültig stempeln lassen, dann davon Kopien machen, wieder beide Papiere dem Zoll geben, nochmals 3 US $ zahlen und dann in praller Hitze nach über 1 Stunde weiter zur Grenze Nicaragua, ca. 1 km weiter. Hier das volle Chaos. Zunächst 1 US$  bei Militärposten zahlen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht steht eine Squadtruppe Polizei mit Vollmontur und Schutzschilder bereit, daneben das gleiche als Militärversion. Dann Weiterfahrt, dann Trillerpfeife. Dann Stopp, dann zurück, dann US$ 3 zahlen für Pestkontrolle. Das Motorrad wurde völlig mit Infektionsmittel eingesprüht. Bei der späteren Weiterfahrt das ideale Futter für Millionen von Fruchtfliegen. Nach der Pestdusche zur eigentlichen Immigration. Busse hielten, Hunderte von Leuten irrten in der Gegend herum, dazwischen irgendwelche legale oder illegale Zolloffizielle im hellblauen Poloshirt. Ständig wollten uns „hilfsbereite“ Agenten mit dem Zuruf „Amigo, Amigo“ ihre Zollagentdienste anbieten. Dann endlich Zugang zur Immigrationshalle (ohne Klimaanlage bei Außentemperatur 38°C plus und das mit voller Motorradmontur!), dann US$1 an die Grenzstadt zahlen, nach unendlicher Zeit endlich am Einwanderungsschalter. Mit US$ 12 bist du dabei und im Land drin. Dann Röntgentunnel für dein Gepäck. Nicht wir. Wir müssen erst unsere Motorräder durch den Zoll bringen. Der „Motorrad-Zollbeamter sendet uns wieder zurück. Wir sollen nach einem hellblauen Polo T-Shirt mit gelber Sicherheitsweste Ausschau halten. Das war aber spurlos verschwunden. Wir bekamen einen heissen Tipp: zahlt lieber erst die Road Tax – schlappe US$ 5 und vergesst nicht die US14 für die Motorradversicherung. Nach erfolgreichem Erwerb dieser überlebensnotwendigen Dokumenten entdeckten wir im Getümmel die gelbe Sicherheitsweste. Nach einer weiteren halben Stunde hatten wir endlich „Feindkontakt“. Unser Angriff auf ihn scheiterte kläglich. Wir sollten erst zu einer weiteren hellblauen Poloshirtträgerin, die uns einen Fresszettel ausfüllte und unterschrieb. Nochmals eine Kopie und dann erneuter Angriff auf die Sicherheitsweste – Policia Nacional! Jetzt hatten wir alles. Denkste! Nun ging es zurück zu dem eigentlichen Zoll. Mit viel Engagement und Kopien (kopias) startete unser persönlicher Aduana Servicio Capitano im Einfingersystem seinen persönlichen Kampf mit der Tastatur. Frei nach dem Palästinensermotto: „Jede Stunde einen Anschlag“. Nach insgesamt über 3 Stunden waren wir endlich Besitzer von einer temporären Aufenthaltsgenehmigung für unsere Motorräder und los ging es. Stopp – nach 200 m wurden unsere Pässe und Dokumente nochmals gecheckt und weitere 20km eine weitere Kontrolle. Ihr denkt das Ganze hat lange gedauert – unsere argentinische Freunde verbrachten später über 6 Stunden mit der gleichen Prozedur. Dagegen hatten wir fast eine Expressabfertigung!

Touristisch war Nicaragua ein sehr schönes Land, parkähnliche, grüne Landschaft, die Straßen gut und ein Besuch der Stadt Granada lohnt sich auf alle Fälle. So müßten viele Städte heute in Kuba aussehen, wenn kein Sozialismus dort gewesen wäre. Sehr schöne und zum Teil sehr gut erhaltene Kolonialgebäude und Kirchen. Am Abend dann einer der Highlights der ganzen Tour – der Vulkan Masaya, ca 25 km von Granada entfernt. Mit US$ 10 Eintritt kan man abends (Nationalpark schließt gegen 19.30 Uhr) direkt an den Kraterrand des noch aktiven Vulkans fahren. Schlappe 10m Fußweg und du schaust direkt in den Schlund rein. Ca. 600m tiefer die blubbernde Lavamasse und dazu das schmatzende und zischende Eruptionsgeräusch. Ein kaum zu beschreibender Anblick. Am nächsten Tag auf der Weiterfahrt nochmals einen Besuch bei Tageslicht – extra wegen besseren Filmaufnahmen. Kein Vergleich. Durch austretende Gaswolken war die kochende Lava kaum zu erkennen. Kurz vor der Grenze nach Honduras übernachteten wir. Früh morgens, taktisch an einem Sonntag ( kein LKW- Zollverkehr), wollten wir unseren Guiness Rekordversuch starten: 2 Länder, 4 Grenzübertritte (2 Ausreisen, 2 Einreisen)

Honduras

Unsere Taktik ging voll auf. Nur wenige Leute und Fahrzeuge bei der Ausreise aus Nicaragua. Rekordzeit nur 1 Stunde um unsere temporäre Papiere wieder zurück geben zu können. Inklusive Kopien von Kopien! Auch am Schalter bei der Einreise nach Honduras nur 5 Leute vor uns. Die US$3 für den Passeintrag zahlten wir locker. Ein wenig irritierend die Frage, ob wir mit dem Bus einreisen – echt logisch, wenn man uns so vom Schalter anblickt mit unseren Motorradhelmen, komplette Montur. Oder sind die Busse in Honduras so unsicher, dass dort Sicherheitsklamotten Pflicht sind. Nach uns die Sinnflut in Form von 2 Bussen mit über 100 Passagieren. Die werden sich noch die Beine bei dem Tempo der Passkontrolle abstehen. Schnell noch zum Zoll, auch dort sind wir die ersten oder einzigen „Kunden“. Mit je US$ 40 Gebühr sind wir wahrscheinlich die größten Devisenbringer Honduras. Also US$43  für 2 Stunden Transitzeit durch Honduras. Auch nicht schlecht oder?

Fahrt durch Honduras -schnell durch. Das Land macht hier eher einen heruntergerittenen Eindruck, wesentlich dreckiger als Nicaragua.

El Salvador

Nach 2 Stunden erreichen wir die Grenze von Honduras. Hier zahlen wir zusammen US$10 für einen „Beschleunigungsagenten“. Ob es sich wirklich gelohnt hatte, bezweifle ich. Er wollte nochmals je US$ 10 für die Immigration nach El Salvador. In 10 Minuten waren wir bei der Personeneinreise durch – ohne Agenten und zum ersten Mal ohne etwas zu zahlen. Unser argentinischer Bikerfreund Claudio hatte ein Tag später mehr Pech – er mußte US$70 für den fehlenden Gelbfieberpass zahlen. 5km weiter mussten wir zum Fahrzeugzoll. Hier ging alles überkorrekt vor. Auch die Fahrzeuge wurden im Detail gecheckt. Nach 2 heißen (fast 40°C ) Wartestunden durften wir weiter fahren. Kein Hotel in Sicht außer einigen Auto Hotels. Nicht zu verwechseln mit Motels. Es handelt sich hier um Schäferstündchen-Absteigen für Onenightstand Machos. Laut Auskunft einiger heißblütiger Latino Lovers der ideale Ort für geheime Seitensprünge. Wir fahren weiter zur Hauptstadt San Salvador. Überall Stacheldraht. Jeder Supermarkt und Tankstelle wird mit Pumpguns bewacht. El Salvador und insbesondere seine Hauptstadt gelten als einer der Gebiete mit der höchsten Mord- und Todesrate weltweit. In Jucuapa – einer 18000 Seelenstadt gibt es 18 Sarghersteller. Der größte Industriezweig vor Ort. Kein Wunder, wenn einem ein klammes Gefühl besteigt beim Anblick der vielen Beerdigungsunternehmen in den Vororten von San Salvador. Passend dazu auch unser Erlebnis: wir wurden bei einsetzender Abenddämmerung von einem Hotel abgelehnt mit der Begründung – wir würden mit unseren Motorrädern ein Sicherheitsrisiko für das Hotel darstellen. So etwas ist mir bei all meinen Reisen noch nie passiert. Letztendlich fanden wir eine Unterkunft – Hotel wäre eine schiere Übertreibung.

Guatemala

Ausreise von El Salvador keine 5 Minuten. Die Einreise nach Guatemala fast schon Routine. In knapp 2 Stunden hatten wir unsere Motorräder samt schicker Plakette auf dem Windschild fit für Guatemala gemacht. Nach der Grenze ging es Richtung Antigua, einer sehr schönen Stadt im Kolonialstil. Von hier weiter über eine Rumpelstrasse inkl. Offroad-Überquerung eines Flusses zum Lago Atitlan. Wunderschön gelegen, eingerahmt von mehreren Vulkanen, besuchten wir abends ein Stadtfest. Am nächsten Tag ging es 600km weiter Richtung Nordost, vorbei an riesigen, hohen Vulkankegel zum Maya Nationalpark Tiktal. Dort übernachteten wir auch und schauten uns verschiedene Maya Tempel an. Tiktal ist einer der größten Maya Anlagen und liegt inmitten eines über 500 km² großen Dschungels. Von hier ging es Richtung Belize. Die Ausreise von Guatemalas war sehr entspannt und in weniger als 30 Minuten erledigt. Einreise nach Belize ohne großes Theater, kein separates „Motorradpapier“. Natürlich mußten wir (vor Tiktal schlossen unser argentinischen Machos wieder zu uns auf) unser Obligo in Form von Versicherung und Einreisegebühren von US$25 an Belize entrichten. Aber 30 Minuten später konnten wir im englischsprachigen Belize weiterreisen. Zu gut um wahr zu sein.

Dann der große Schock

Kurz nach der Grenze machten wir an einem Restaurant halt. Etwas zu essen und trinken, ein wenig relaxen, viel Emotion und dann das bittere Ende: Deutschland ist gegen Frankreich bei der EM ausgeschieden. Nicht wegen dem Spiel, sondern wegen anderen Plänen trennten sich dort unsere Wege. Die anderen Biker fuhren Richtung Norden nach Mexiko. Ich Richtung Süden zu meinem Geheimtipp, den ich von guten Freunden aus Deutschland bekommen hatte: Sun Creek Lodge. Eine Lodge im Stil eines Dschungelcamps. Deutsche Führung – Thomas und Marisa mit ihren 2 Kindern aus Esslingen, zuletzt wohnhaft in Kirchheim-Ötlingen. Was für ein Zufall – genau dort hatten wir auch schon gewohnt. Mehr dazu und über die geplante Dschungeltour im nächsten blog aus Arizona, USA.

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