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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Archives › Juni 2016

Das Comeback – mit der Stahlratte auf Karibik Cruise

Cartagena und Motorradverladung

Der Start in die zweite Etappe meiner „Amerikaexpedition“ war einiges gemütlicher wie beim Hinflug nach Montevideo. Großes Lob an die Lufthansa. Im Gegensatz zur Iberia-Tochter Air Europa ordentliche Beinfreiheit, guter Board Service und hervorragendes Filmprogramm. Relativ relaxed kam ich in Bogota an. Zoll null Problem, auch meine Tasche mit der Kupplung interessierte niemanden.  Plötzlich ein Riesenlärm und aufschreiende Menschen. Kolumbien hat bei der Copa America die nächste Runde erreicht. Nach gefühlten 3 Minuten holte der Reporter nach seinem „GOL“- Ausruf wieder Luft. Weiterflug nach Cartagena. In Cartagena dann der große Schock: 35°C bei 90% Luftfeuchtigkeit und das nach fast 3 Monaten ununterbrochenem Regenwetter und kühlen Temperaturen in Deutschland. Schnell Taxi und ab zu Kapitän Ludwigs Haus. No Problema. Denkste. Taxifahrer kennen nur Hoteladressen. Obwohl ich einen genauen Strassenname hatte, keine Chance. Gottseidank war ich schon vorher bei Ludwig. Aber ohne meinen eigenen Input würden wahrscheinlich jetzt noch in Cartagena herumirren. Kurz nach Mitternacht kam ich an, Ludwig erwartete mich schon mit einem kühlen Bier. Die nächsten 3 Tage gingen mit Akklimatisierung und Verzollungskram vorbei. Irgendwie genoss ich das ganze südamerikanische Chaos.

Am Dienstag, dann endlich Verladung der Motorräder. Ich war schon gespannt auf das Segelschiff, die Crew und die anderen Teilnehmer. Nach langem Gegurke sprang die BMW an. Wahrscheinlich hatte sich in den vergangenen 3 Parkmonaten zuviel salzhaltige Seeluft angesammelt. Froh dass ich endlich wieder Moped fahren konnte, stach ich euphorisch los. Nach einigen Kilometer stellte ich fest, dass ich mich irgendwie zu „luftig“ fühlte. Ich hatte glatt meinen Helm vergessen. Also zurück und dann schnell zum Zollhafen. Jetzt wurde die Zeit knapp. Ausfahrt verpasst. Keine Möglichkeit umzudrehen auf der Stadtautobahn. Lösung: einfach als Geisterfahrer zurückfahren. Und dann kommen dir 3 Motorradpolizisten entgegen, die es fast vor Schreck vom Moped haut. Dann anhalten und Laberlaber, sorry sorry, rapido rapido, Aduana cerado (geschlossen), no adios to Columbia etc. Nach 5 Minuten durfte ich weiterfahren – ohne Strafe, haben aber Bilder gemacht vom logo Aleman (verrückten Deutschen). Schnell wieder weiter, aber zu spät: am Zolltreffpunkt vor verschlossenem Tor. Wieder hablas Rolf Espanol und irgendwie Sesam öffne Dich kam ich in den Zollhafen rein, rechtzeitig zur Verschiffung des Motorrades. Hier traf ich zum ersten Mal die anderen Teilnehmer.

Ab in die Karibik mit Insel-Hopping und Landung in Panama

Bunt gemischte Truppe: insgesamt 9 Motorräder, 19 Passagiere – 2 australische Biker, 2 Biker von Argentinien, 2 Biker von Schweden, 1 Malayer und seine südafrikanische Frau und ein schwäbischer Biker (ich!), der Rest noch 4 deutsche Non-Biker, 3 Texaner, Kapitän Lulu (Ludwig) samt Frau und Tochter Lotti sowie Johann aus Barcelona und Tilly aus Deutschland als Crewteam. Ein brasilianisches Bikerpaar hatte nur sein Motorrad auf der Stahlratte deponiert, hatte aber selbst keinen Kajütenplatz mehr bekommen. Sie erwarteten uns in Panama. Vor der Abfahrt gab es noch ein wenig Stress mit den Papieren. Aber alles wurde von Kapitän Lulu gelöst. Dann stachen wir in See.  Kurze Einweisung und Fakten zur Stahlratte: 2 Masten, Dieselmotor, 116 Jahre alt, ursprünglich in Holland gebaut, heute von einer non-Profit Verein betrieben (Mehr dazu unter: www.stahlratte.de). Dann wurden wir alle zu sehr humanen Küchendiensten eingeteilt. Los ging es. Unser malayischer Pirat Zeinal (auch bekannt als Bruce Lee) beschloss seekrank zu werden,  sonst gab es keine Ausfälle. Verpflegung war sehr gut. Großes gemeinsames Frühstück, besonders meine südafrikanische Balettlehrerin strotzte vor Extrovertiertheit. Wir alle harmonierten sehr und hatten viel Spass. Am nächsten Tag liefen wir eine kleine Karibikinsel an. Barbecue inklusive. Die Insulaner boten uns Kokosnüsse an. Den Tag verbrachten wir mit ausführlichen Schnorchelexkursionen im klaren Karibikwasser. Nach einiger Zeit war ich Feuer und Flamme! Vor allem auf meinem Rücken. Sonnenbrand.

Am nächsten Tag ging es weiter zu einer größeren Karibikinsel mit großem Hummer- und Baracudaessen am Abend. Hier wurde auch unsere Einreiseformalitäten für Panama erledigt. Zunächst erstmal die Pässe. Wiederum tauchen und Seilschwingen vom Schiff ins Wasser.  Unterwegs trafen wir immer wieder Leute. Kapitän Lulu ist wirklich gut „vernetzt“ in diesem Teil der Karibik. Lulu ist eine imposante Erscheinung und punktet mit seinem großen Charme. Eine weiter Nacht auf See und am 4. Tag nähern wir uns der panamaischen Küste. Wir legen nicht in einem offiziellen Hafen an, sondern an einer relativ kleinen Mole. Mit viel Erfahrung werden unsere Bikes auf die Mole „geschwungen“. Dann Abschied und die Bikertruppe legt los Richtung Airport Panama City. Ich lass es mir nicht nehmen engeren Kontakt mit einem schwedischen Bikerkollegen zu pflegen. Fahre ihm prompt in seinen Koffer. Außer dass mein rechter Suchscheinwerfer abknallt ist nichts passiert. Nach 20km die erste Zollkontrolle. Hier muss jeder erst einmal US$ 20 Bay Gebühr bezahlen. Nach weiteren 10 km wird Zainals Frau auf der kurvenreichen Strecke „motosick“. Mit verminderter Geschwindigkeit geht es dann weiter.

Biker Terror Squad Team beim Zoll

Wir folgen genau den Instruktionen und landen beim Airport in der Abfertigungshalle für Flugpassagiere. Was für ein Bild – wir 10 in voller Kampfmontur. Für Aufmerksamkeit ist gesorgt. Dass wir aber durch den Personenscanner sollen um unser Motorrad vom Gepäckband zu holen, kommt mir aber dann doch dubios vor. Selbst meine spanisch sprechenden Argentinier sind damit überfordert. Dann die Auflösung: der Frachtterminal befindet sich 3km weiter. Langsam, langsam. Laut Kapitän Lulu hat der Zoll am Samstag bis 17.00 Uhr geöffnet. Noch über 2 Stunden Zeit. Wir finden den Zoll, er hat auch offen. Sprichwörtlich die Tür geht auf und wir stehen in einem leeren Büro. Unser Zöllner, so erfahren wir, ist schon im Wochenendurlaub. Also am Montag früh wieder zurück. Dann innerhalb von knapp 1 Stunde haben wir alle unsere Papiere und ab geht es zum BMW Händler Kupplung reparieren.

BMW Panama City – Nachhaltigkeit ist angesagt

Nach dem zweiten Anlauf finden wir die richtige Werkstatt. Alle begleiten mich. Claudio, der auch eine GS Adventure fährt, hatte auch schon das selbe Problem. Bei ihm war nur eine Dichtung am Kupplungshebel defekt. Auch der Händler denkt,dass es nicht an der eigentlichen Kupplung liegen dürfte. Claudio lässt auch sein Kupplungsöl tauschen. Ich habe ja eine komplette Ersatzkupplung und Kupplungsöl dabei. Das Öl reicht für beide Fahrzeuge. Nach 5 Stunden kommen wir zurück. Bei Claudios BMW haben sie eher Bedenken wegen dem Zustand.

Und meine Kupplung? Ja bei meiner BMW waren beim letzten Service Nachhaltigkeitsfanatiker am Werk. Sie haben zwar die Leitung entlüftet, aber mein altes, völlig verdrecktes und zähflüssige Kupplungsöl wieder eingefüllt und mir als neues Öl verkauft . Und ich kaufe für 700 Euro eine komplette Ersatzkupplung und transportiere die Teile nun durch die halbe Welt. Das ist halt Südamerika. 550 US $ für ein paar Bremsbeläge und den alten Rotz als Neuware wieder an den Gringo gebracht. Die Kupplung funktioniert wieder tatenlos.

Die Brazilianer sind schon voraus an einen Strand gefahren. Wir treffen 2 Stunden später nach einem heftigen Regenguss ebenfalls ein. Zelt aufgebaut. Grillzeug besorgt. Dusche und WC dürfen wir kostenlos benutzen.

Kopienorgie beim Zollübergang nach Costa Rica

Am nächsten Tag kommen wir spät nachmittags an der Grenze Panama/Costa Rica  an. Nach 15 Minuten haben wir unser Ausreisepapierkram in Panama erledigt. Jetzt Einreise nach Costa Rica. Irgendwie identifizieren wir zusammen das richtige Zollbüro. Hier bekommt jeder von uns eine Liste, die wir abarbeiten müssen. Zu nächst Versicherung für US$ 15 abschliessen, dann Kopie machen. Dann Pass abstempeln, dann Kopie machen. Dann Formular ausfüllen und nochmals Kopie vom KFZ-Schein machen lassen, dann wieder abstempeln lassen, dann wieder Kopie machen, dann neues Formular ausfüllen. Dann 4-Augen Interview mit Inspektor. Wo steht im Kfz-Schein Motornummer. Gibt es bei der deutscher Version nicht. Schwabe hat aber Motornummer von Werkstatt bekommen. Dann x-mal  Unterbrechung wegen privaten whatsapp des Zöllners. Dann Zollbeschau. Dann okay. Dann noch 3 weitere Wiederholungen bei den anderen und nach knapp 2 Stunden geht es bei völliger Dunkelheit zur nächsten Stadt in ein gutes Hotel.

Nächster Bericht folgt aus Belize in gut 1 Woche, falls ich mich bei den nächsten Grenzüberquerungen (Nicaragua, Honduras, Guatemala, Belize) gut aufführe und fleißig mit Dollares schmiere!