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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Archives › Mai 2016

Das Ende des Toilettenpapier-Sozialismus – Kuba Reloaded

Kuba – DDR Reloaded?

Ich bin noch ein Bericht zu Kuba schuldig.

Wegen einem technischen Problem konnte ich einige Zeit nicht auf meinen Blog zugreifen. Live aus Kuba war leider auch nicht möglich, da ich dort nur einen sehr begrenzten Zugriff auf das Internet hatte.

Ganz ehrlich es fällt mir schwer über Kuba zu schreiben. Ich habe mittlerweise ein Luxusproblem, ich habe über 80 Länder bereist, u.a. war ich auch mehrmals in der ehemaligen DDR, und vergleiche natürlich Länder, ihre soziale Systeme und bin einfach nicht mehr so romantisch verklärt und oft auch schon zu kritisch. Kuba ist zur Zeit vor allem in Deutschland als Reiseland sehr in Mode. Typische Aussage: „schnell noch nach Kuba und das echte sozialistische Kuba in seiner Ursprünglichkeit erleben bevor es amerikanisiert wird“.

Mein Bericht könnte ausfallen wie folgt: tolles Land, fantastische Stimmung, morbider Charme von halbverfallenen Häuser, amerikanische Autoschlitten aus den 50er Jahren, Musikkneippen in vibrierenden Gassen, Karibik pur – tolles Klima (ich hatte nie Regen, immer 30°C), Palmen und schöne Strände, Cocktails und freundliche Kubaner. All das habe ich auch gesehen und erlebt.

Mein typischer, etwas skeptischer „Rolf-Blickwinkel“ könnte auch folgendes Bild zeichnen: der Sozialismus in seinen Endzügen: bis auf die einige Hundert toll hergerichtete Touristen-Cabrios sind die meisten „Oldtimer“ schrottreif, ohne Bremsen und Federung, viele ohne Originalmotor sondern mit billigen chinesischen Motoren ausgestattet. Die „Luxus“ Viazul Reisebusse waren über 30 Jahre alt, die Klimaanlagen waren Bazillenschleuder, auf 18°C Kälte eingestellt. Die Busse fahren nur sehr wenige Städte an. Das Taxi vom Flughafen nach Havanna Center kostete umgerechnet Euro 30. Generell war Kuba sehr teuer. Selbst die Privatpensionen kosteten € 30,- bis 40 pro Zimmer und Nacht. Das Frühstück kostete zwischen €5,- und 7,- extra. Abendessen € 10,- und 17,-. Jeder, wirklich jeder wollte Dir etwas andrehen – ob Übernachtung, Taxi, Zusatzessen, Fahrradverleih, geführte Touren etc. In ganz Kuba herrscht Mangelwirtschaft. Es gab nur einlagiges Toilettenpapier, in der Hauptstadt Havannna war das 1-lagige Papier jedoch schon per Blatt perforiert! Als Nicht-Pauschaltourist landete ich auf dem Flughafen in Havanna. Vor der Passkontrolle passierte ich eine Kameraüberwachungsstation mit 4 Kameras und Überwachungsdame inkl. Bildschirmstation. Nach der Passkontrolle musste ich 1,5 Stunden auf mein Gepäck warten (relativ schnelle Abfertigung – deutsche Touristen aus Berlin, die per Aeroflot anreisten, mussten 5 Stunden auf ihr Gepäck warten). Und dann geht es ab nach Havanna. Stopp!!! – Erst Geld wechseln – nach über 1 Stunde Wartezeit vor der einzigen Geldwechselstube, bekam ich meine CUC, Kubanische Peso Convertible. Nur mit CUC kannst du das Taxi bezahlen. Anderer Lösungsansatz: du buchst Pauschalurlaub Kuba, kommst auf dem Flughafen in Varadero an, wirst vom Hotelbus abgeholt und wechselt Geld im Hotel. Dort bekommst du in deinem all-inklusiv Hotel Frühstücksbuffet, machst deine Ausfflüge mit modernen Busse etc.

Andere – die Rolfs – übernachten in Casa particulars (Privatpensionen), bekommen den kubanischen Einheitsschinken Marke Pressfetzenschinken, farblosen und geschmackstneutralen Scheiblettenkäse, folgen den absoluten Geheimtipps des Reiseführers Lonely Planet. Du gehst zusammen mit Tausenden von anderen Touristen zu „der!“ Shrimpsbude im Hafen und triffst die ganze Bande wieder am Kilometer 34 bei dem Geheimtipp Fahrradverleih und hängst dann mit weiteren 2000 Touristen in der Lieblingskneippe von Ernest Hemingway ab. Seit letzterWoche bekommst du Verstärkung von den Kreuzfahrtschiffen, die von den USA eintreffen. Pech demjenigen, der durch Zufall in die zweistündige Tour ( auf die Minute durchgeroutet) der „Neu“-Kreuzfahrer gerät. Orientierungsproblem? Mach dir keine Sorgen – folge einfach dem Selfestick-Dickicht der Kreuzfahrer oder der Großleinwand, die sich aus Hunderten von knipsenden Tablets vor dir aufbaut. Schnell noch in ein altes Cabrio aus den 50er Jahren gejumpt. Der authentische, einheimische, kubanische Fahrer mit Sonnenbrille, Strohhut und Zigarre fährt dich für 50 Euro 30 Minuten lang auf der angesagtesten Uferpromenade der Karibik (Originaltext von meinem Reisebuchführer). Links von dir eine 10km lange öde Uferkaimauer, rechts von dir 10 km verfallene Häuser ohne chice Bars, keine PAlmen oder Grünzeug, nur morbides, manchmal farbiges Trashgemäuer.

Leute seht das nicht so negativ. Kuba hat sein Charme, nur es ist wirklich nicht mehr so ursprünglich wie es viele noch vermuten. In Havanna hat es wirklich sehr schöne Ecken, überall wird renoviert. Die Leute sind wirklich sehr freundlich, aber auch sehr geschäftstüchtig. Du fährst auf einem Leihfahrrad und mehrmals halten Taxis neben dir an und fragen, ob du ein Taxi möchtest. Am besten „erobert“ man Kuba im Kombinationspaket. 1 Woche Pauschalurlaub und 1 Woche auf eigene Faust. Und bedenkt – Kuba ist kein Billigland und es herrscht nachwievor Mangel an vielen Alltagsgüter. Um den roten Faden zur Headline zu spinnen – 2- oder 3lagiges Toilettenpapier, das auch noch perforiert ist, dann müsst ihr in ein Pauschalurlaub auf Varadero buchen.

Also wer noch 1-lagiges Toilettenpapier – unperforiert – erleben will, ab nach Kuba. Willst Du Karibik mit Flair erleben, gibt es auch noch andere Länder. Mehr dazu im 2. Teil meiner Reise.

Nach diesem zum Teil „provokanten“ Blog-Beitrag genießt die wirklich tollen Bilder von Kuba.

Kuba Cars


Leute und Gebäude


 

Weltkulturerbe Vinales