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Ein Tourtagebuch von Rolf Rilling

Archives › April 2016

Medellin – Caucasia – Bandenkrieg auf der PanAmerica – Cartagena

Nach dem BMW-Service an der Kupplung fuhr ich optimistisch Richtung Norden nach Cartagena weiter. 700 km Fahrt auf recht kurvenreicher Strecke. Nach ca. 150km plötzlich eine endlose Fahrzeugschlange, hauptsächlich LKWs. Plötzlich waren auch überall Polizeiposten und Militär unterwegs. Anfangs dachte ich es handelt sich um ein LKW-Streik oder es ist wieder einmal vorne ein LKW umgekippt und hat die Strasse blockiert.  Ich zog einfach rechts an der Kolonne und an dem Streckenposten vorbei. Seltsam – es kamen mir kaum Autos oder Mopeds entgegen. Nach weiteren 20 km der nächste Polizei- und Militärposten. Beim Überholen der unorthodox parkenden LKWs und Autos blieb ich rechts hinten mit meinem Alukoffer an einem LKW hängen. Es tat einen Riesenschlag und ich touchierte noch ein SUV. Nur nicht anhalten, sonst bekomme ich noch Stress. Ich fuhr einfach durch den Kontrollposten durch. Vereinzelt kamen mir noch Fahrzeuge entgegen. Alle wedelten mit den Händen und zeigten in die Gegenrichtung. Ich soll umkehren. Leicht verunsichert fuhr ich trotzdem weiter. Bis zum nächsten Kontrollpunkt. Hier wurde ich vom Militär angehaltet. Zuerst dachte ich, Major Gomez, so hiess der Befehlshaber, erklärt mir auf spanisch, dass es ein paar Kilometer weiter einen Erdrutsch gegeben hat und die Strasse wäre gesperrt. Als ich antwortete, ich kann auch offroad fahren, holte er sein Handy heraus und übersetzte mit einer App, dass ca 1-3 km weiter Kampfhandlungen wäre, es wird geschossen, die Strasse sei blockiert, das Militär habe die Situation noch nicht unter Kontrolle. Erst vor einer Stunde hat es 4 Tote gegeben. Später erfuhr ich, dass die größte Drogenbande von Kolumbien  4 Angriffe auf einem Streckenabschnitt von 30km Länge auf Polizei und Militär vorgenommen hatte.  Es wurden dabei auch grössere Waffen eingesetzt. U. a. wurden ein LKW und Bus in Brand geschossen. Die Vollsperrung gelte noch mind. 5 Stunden, dann wurden mind. 12 Stunden genannt, ein Polizist meinte, die Strasse würde erst am nächsten Morgen wieder sicher sein. Da stand ich mitten in der Pampa, nix zum Essen und Trinken. Direkt an der Front.

Plötzlich nach 2 Stunden kam Major Gomez wieder und erklärte, dass die Strasse wieder frei sei und wer will, kann langsam wieder weiterfahren. Das musste er mir kein zweites Mal sagen und ich fuhr als Erster los. Aber nicht lento sondern ich gab Stoff. Nach 3 km kam ich an einem noch brennenden Bus vorbei. Die mit Baumstämmen und Ästen gesperrte Strasse war vom Militär noch nicht ganz geräumt. Überall Glasscherben, Kettenspuren und Munitionsspuren. Irgendwie mulmig war es mir schon. Überall massiv Militär und Polizei. Nach 50 km war ich aus dem Gebirge draussen und tankte. An der Tankstelle waren sie erstaunt, dass ich die umkämpfte Strecke schon passieren konnte. Laut den Nachrichten wäre sie noch gesperrt.

Noch über  450 km nach Cartagena. Ich wollte unbedingt vor der Dunkelheit ( ab 18.30 Uhr wird es schlagartig finster) im Hotel eintreffen. Mit über 120 km/h fuhr ich weiter. Knapp 50 km vor Cartagena, es wurde schon dunkel, passierte es. Nein. Kein Unfall. Aber die Kupplung wurde wieder soft. Die Schaltung ging wieder teigig und verschlechterte sich zusehends. Zum unpassendsten Augenblick – als das abendliche Chaos im Hauptverkehr von Cartagena ausbrach – zickte meine Kupplung wieder. Irgendwie schaffte ich es zum Hotel. Nach 2 Tagen Strand zog ich innerhalb Cartagena zu dem Haus „meines Kapitäns“ um. Hier parkt meine BMW die nächsten 2 Monate bis ich dann im  Juni meine Reise  wieder fortsetze. Beim Transfer zum neuen Standort funktionierte die Kupplung einwandfrei. Die BMW war ja wieder kalt. Mal schauen ob meine Werkstatt in Deutschland oder meine Motorradkumpel vielleicht eine Lösungsansatz haben. In der Nähe von Cartagena gibt es noch eine BMW-Werkstatt und ich habe im Juni noch 2 Reservetage für eine mögliche Reparatur bevor es mit dem Schiff nach Panama geht.

Ihr seht, so richtig langweilig wird es mir nicht. Cartagena ist übrigens ist eine tolle Stadt mit vielen alten Kolonialgebäuden und einer prächtigen Festungsmauer. Hier ist es sehr heiss und schwül. Ich bin von Cartagena nach Bogota geflogen. Morgen geht es weiter nach Havanna in Kuba. Dort werde ich 2 Wochen lang mit dem Bus herumreisen und ausschließlich in Privatwohnungen übernachten. Einen Bericht und Fotos gibt es erst wieder, wenn ich am 21.4 in Deutschland zurück bin.

Hier einige Bilder von Cartagena

 

Von Ecuador nach Kolumbien – 2000 km fast ohne Kupplung

Früh startete ich von Quito Richtung Kolumbien. Gerade rechtzeitig, um die morgentliche Rush Hour noch mitzunehmen. Nach knapp 1 Stunde und ca 8 km weiter plötzlich ein total ungewohntes Gefühl am Kupplungshebel. Kein Widerstand, fast auf den Vordermann aufgefahren. Was war das? Kein Leerlauf und der Gang ging auch nicht raus. Und es wurde nicht besser. Ich würgte die Maschine mehrmals ab. Ich hatte noch 150 km nach Otavalo, einer Kleinstadt mit dem berühmtesten Indio Market von Ecuador. Umkehren und in Quito nach einer BMW Werkstatt suchen – keine echte Option. Irgendwie kam ich aus dem Moloch Quito heraus und entwickelte meine eigene Technik – Strecke zurücklegen ohne zu schalten. Prinzipiell heißt das, immer links oder rechts an Fahrzeugen vorbeiziehen und ja nicht zu stark herunterbremsen. In Cali, Kolumbien gibt es eine BMW-Werkstatt. Schlappe 700 km.

Erstaunlicherweise war das Kupplungsproblem am nächsten Tag nicht existent. Ich fuhr an diesem Tag auch nur 300 km mit Zwangspause am Grenzübergang Ecuador-Kolumbien. Dort traf ich einen Italiener mit seiner BMW GS. Er lebt zur Zeit in Argentinien. Seine Erfahrung mit Peru und dessen Korruption deckte sich mit meinen Erfahrungen. Mein Motorrad bekam anstandslos eine Aufenthaltsgenehmigung von 90 Tagen – exakt bis zum 23. Juni 2016. Gerade wegen den enormen Zollproblemen habe ich meine Reisepläne inzwischen geändert. Es ist praktisch unmöglich das Motorrad 1 Jahr lang in Kolumbien zu parken und dann die Reise fortzusetzen. Fazit: ich muss noch dieses Jahr auch die 2. Etappe durchziehen. Ich habe inzwischen auf der Stahlratte, einem ca. 50 m langen Segelschiff (zur Info: www.stahlratte.de) angeheuert bzw. gebucht. Am 22.06. läuft sie von Cartagena aus. Die BMW kommt auf das Deck, dann geht es raus in die Karibik mit Tauchzwischenstopp bei einer Insel und anschließend werde ich in Colon, Panama von Bord gehen. Es gibt keinen Landweg von Kolumbien nach Panama. Alternativ könnte ich die BMW per Schiff oder Flugzeug nach Panama transportieren. Die Kosten wären aber ein Vielfaches. Stellt euch mal das ganze mit DHL und seinem korrupten System vor (siehe Verzollung Uruguay). Praktisch nicht bezahlbar. Zeitlich reicht es mir aber nicht nach Alaska. Ich werde in Vancouver Richtung Osten abbiegen und nach Montreal fahren. Das sind aber immer noch insgesamt 20.000 km, die ich in knapp 2 Monaten zurücklegen muss.

Vom 6.4. bis 21.4 bin ich in Kuba und werde dort per Bus herumreisen und in Privatwohnungen übernachten. Dann geht es zurück in die schwäbische Heimat und am 17.06 wieder zurück nach Kolumbien. Die BMW parke ich solange im Privathaus des Kapitäns der Stahlratte.

Kupplung okay?

Solang die BMW nicht heiß wird  – geht die Kupplung. Irgendwie kam ich in Cali an. Natürlich konnte BMW dort an der kalten Maschine am nächsten Morgen nichts an der Kupplung finden und ich fuhr weiter  Richtung Medellin. Knapp 100 km vor Medellin gegen 17.00 Uhr wurde die Strecke sehr kurvenreich und Hunderte von LKWs fuhren im Schneckentempo die engen Kehren dicht an dicht gedrängt. Dazwischen überall Tausende von Mopeds im Freestyle. Mal links, mal rechts und ab 18.00 Uhr auch viele ohne Licht. Dann kamen auch noch Baustellen und es ging nur noch im StopandGo. … und das ohne Kupplung. Die BMW lief heiß und die Kupplung verabschiedete sich. Eine reine Horrorfahrt begann. Zwangsweise musste ich in unübersichtlichen Kurven selbst bei Gegenverkehr überholen, war irgendwo theoretische eine Lücke, schlängelte bzw. drängelte sich ein lichterloses Moped dazwischen. Ich hatte mehrmals „Feindberührung“. Irgendwann half selbst intensives Pumpen am Kupplungshebel nicht mehr und es ging einfach nicht mehr weiter. Ich übernachtete in einem verwanzten Loch ohne richtige Dusche. Besser noch als zwischen 2 LKWs zerquetscht zu werden.

Am nächsten Morgen ging es dann nach Medellin. Schon nach kurzer Zeit war die Kupplung auf Betriebswärme und die letzten 8 km zur BMW-Servicegarage waren der reinste Albtraum. Dort wurde die Kupplungsflüssigkeit und die Kupplungsschläuche entlüftet. Damit sollte das Problem laut BMW gelöst sein. 2 Stunden Check kosteten diesmaql unglaubliche € 7,-. In Ecuador wären da noch zwei Nullen dazugekommen.

Nächsten Tag schaute ich mir das sehr moderne und sichere Medellin an. Eine Attraktion ist die Metro und Metrocable. Selbst nach 20 Jahren Betrieb sieht die Metro noch wie neu aus. Keine Kratzer, kein Dreck, kein Graffiti. Medellin, einst Hochburg der Drogenkartelle, ist heute eine sehr attraktive, westliche Stadt.